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Rada Rodriguez: "Grundsätzlicher Mentalitätswandel erforderlich: Führung muss selbstverständlich werden“

Rada Rodriguez hat Ingenieurwissenschaften studiert und eine zusätzliche Ausbildung in Marketing und Finanzwesen in Schweden absolviert.  Heute ist sie Senior Vice President Energy Transition and Corporate Alliances von Schneider Electric. Ihr Büro hat sie in Berlin, Konzernsitz ist in Paris, ihr Lebensmittelpunkt ist Schweden. Dort hat „Komm, mach MINT.“ virtuell mit ihr gesprochen.

Rada Rodriguez, Foto: Schneider Electric
Rada Rodriguez, Foto: Schneider Electric

Foto: Schneider Electric

Foto: Schneider Electric

Rada Rodriguez ist Senior Vice President Energy Transition und Corporate Alliances bei Schneider Electric und Vorstandsmitglied im Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie. Sie kann aus eigener Erfahrung darüber berichten, welche Herausforderungen junge Frauen auf dem Karriereweg in technisch geprägten Berufen zu meistern haben. Die Managerin hat im Laufe ihrer Karriere bei Schneider Electric verschiedene Führungspositionen in Frankreich, Schweden und Deutschland bekleidet. Thematisch beschäftigt sie sich aktuell mit Themen wie der Frauen- und Talentförderung, aber auch der Digitalen Agenda und dem EUREF Campus in Berlin.

Frau Rodriguez, wie haben Sie für sich erkannt, dass Sie führen wollen?

Ich habe früh gemerkt, dass mir meine Kolleginnen und Kollegen zuhören, weil sie Wert auf meine Meinung legen. Ich musste aber durchaus an mir arbeiten, um erfolgreich zu führen. Immer wieder habe ich die Kommunikation mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen reflektiert und sie verbessert. Führungsqualitäten fallen einem nicht in den Schoß, sind aber durchaus erlernbar. Das ist ganz wichtig. Ich schätze es nicht, wenn Menschen sagen: „So bin ich und das passt einfach nicht zu mir.“ Das ist mir zu einfach. Ich finde es ermutigend zu wissen, dass wir ein ganzes Leben lang lernfähig bleiben. Wir sollten unsere Möglichkeiten nutzen, um vieles auszuprobieren. Ich habe im Laufe meiner Karriere bei Schneider Electric verschiedene Führungspositionen in Frankreich, Schweden und Deutschland bekleidet und empfinde das als persönliche Bereicherung.

Wie sieht Ihr Verständnis von Führung aus?

Führungsaufgaben sind stark im Wandel begriffen. Der Typus, der ausschließlich Macht und Geld anstrebt, ist in meinem Unternehmen so nicht vorstellbar. Für mich geht es bei der Führung vor allem um Entscheidungsspielräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Derzeit habe ich als Strategiechefin für Themen rund um die Energiewende keine direkten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Während meiner Zeit als operative Deutschlandchefin von Schneider Electric haben wir dagegen im Team zusammengearbeitet. Führung bedeutet, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen einzuleiten – ganz gleich, ob im Team oder im Alleingang. Im strategischen Bereich stehen inhaltliche Fragen im Fokus: Wie gestalten wir Arbeitsgruppen? Welche Themen gehen wir demnächst an, um mehr Lebensqualität mit weniger Ressourceneinsatz zu erreichen? Auf dem EUREF Campus in Berlin beispielsweise entwickeln wir dafür ganz konkrete Umsetzungsszenarien. Das sind Herausforderungen, die mir selbst persönlich am Herzen liegen und mich motivieren.

War es also Entdecker- und Entwicklergeist, der Sie damals auf den Weg in den MINT-Bereich brachte?

Da kamen zahlreiche Faktoren zusammen. Aufgewachsen bin ich in Rumänien, einer ganz anderen Kultur, in der es ähnlich wie in der ehemaligen DDR selbstverständlich ist, dass Frauen ebenso wie Männer zum Familieneinkommen beitragen. Mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer besaßen einen hohen Stellenwert und das Interesse daran war der Normalfall bei uns Schülerinnen und Schülern. Ich war auf einer sehr guten Schule, auf der – unabhängig vom Geschlecht – nach Leistung selektiert wurde und wo von Anfang an alle gleichermaßen auf die MINT-Fächer, aber auch auf Führung vorbereitet wurden. Daher habe ich mir die Frage, ob MINT etwas für Mädchen ist, früher einfach nie gestellt.

Warum fehlt in Deutschland diese Selbstverständlichkeit?

Das ist vor allem auch eine Mentalitätsfrage. Hier interessieren sich junge Mädchen eher selten für MINT. Wer möchte mit 12 Jahren auch schon als Nerd gelten? Junge Frauen fürchten die Außenseiterrolle. Das gilt auch für ihr Interesse an Führung. Ihnen fehlen Vorbilder – also Frauen, mit denen sie sich identifizieren können. In den USA gibt es deutlich mehr sichtbare Frauen in Führungspositionen, die wiederum mehr Frauen nach sich ziehen. In Deutschland gehen gesellschaftliche Änderungen eher langsam vonstatten. Für die MINT-Fächer kommt erschwerend hinzu, dass die meisten Studierenden mit Führungsambitionen eher ein wirtschaftswissenschaftliches als ein MINT-Fach wählen.

Wie lässt sich ein Mentalitätswandel beschleunigen?

Es mangelt nicht an tollen Initiativen, die Frauen für MINT-Karrieren motivieren wollen. Aber wenn zuhause eine stereotype Rollenverteilung vorherrscht, sprich Mütter kümmern sich um den Haushalt und Väter um die Technik, ändert sich nichts. Diese Rollenaufteilung wird begünstigt durch das Steuersystem des Ehegattensplittings. In Schweden und in Frankreich gibt es dagegen individuelle Besteuerungssysteme. Eine Einverdienerehe funktioniert dort völlig anders. Das hat den Vorzug, dass sich Frauen in ihrem beruflichen Leben genauso ernst nehmen wie Männer. Für mich ist klar, dass ein Mentalitätswandel nur durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zustande kommen wird. Dazu gehören viele Aspekte wie beispielsweise verbesserte Möglichkeiten der Kinderbetreuung.

„Sind wir viel zu zurückhaltend, ticken wir anders als Männer? Viele dieser Fragen würden sich einfach erübrigen, wenn wir eine kritische Masse hätten.“

In Führungsfragen wird oft von dem Phänomen der „gläsernen Decke“ gesprochen, die Frauen von Führungspositionen fernhält. Was können wir tun?

Das Ziel muss sein, mehr Frauen in Aufsichtsräte zu bekommen. Diese sorgen wiederum dafür, dass mehr Geschäftsführerinnen bestellt werden. So kann sich eine eigene Dynamik entwickeln. Solange Frauen in Führungspositionen eine Minderheit sind, passiert das, was den meisten Minderheiten passiert: ihre Fehler wiegen schwerer. Sind wir zu zurückhaltend, ticken wir anders als die Männer? Viele dieser Fragen würden sich einfach erübrigen, wenn wir eine kritische Masse hätten. Und um dieses Ziel zu erreichen, sollten wir alle Instrumente nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Vor Jahren war ich gegen die Frauenquote – das hat sich mittlerweile geändert. Nur durch konsequente Zielvereinbarung werden wir Rahmenbedingungen so beeinflussen können, dass sie einen Wandel nachhaltig befördern.

Wie sieht es in Ihrem Unternehmen aus?

In vielen Meetings bin ich nach wie vor die einzige Frau, denn die gesellschaftlichen Rollenvorstellungen spiegeln sich auf der individuellen Ebene wider. Wir haben bei Schneider Electric trotz zahlreicher Initiativen und Angebote zur Work-Life-Balance immer noch wenige Frauen in Führungspositionen. Das macht deutlich: Es liegt also nicht nur an den Unternehmen, die passen sich durchaus den gesellschaftlichen Anforderungen an. Wenn aber zu wenige Frauen den Weg in die Führung tatsächlich gehen wollen, dann verpufft die Wirkung solcher Maßnahmen. Ebenso wie jeder Mann muss sich jede Frau persönlich entscheiden, wie lange sie beispielsweise in der Familiengründungsphase ausscheiden möchte. Schneider macht vieles möglich. Wer sich allerdings in der privaten Wirtschaft dazu entschließt, zwei Jahre lang zuhause zu bleiben, muss mit den Konsequenzen leben. Unter anderem damit, dass andere in dieser Zeit nicht stillstehen, sondern sich weiterentwickeln. Ein weiteres Manko: Junge Leute sind oft noch im Findungsprozess. Wenn ich mit jungen Menschen rede, merke ich, dass sie oft nicht wissen, wo sie beruflich überhaupt hinwollen.

„Es fehlt ein selbstverständlicher Umgang mit Führung. Das sollte von früh an in den Lehrplänen stehen.“

Welche Kompetenzen sind gefragt?

Eine zentrale Führungskompetenz ist es, Entscheidungen bewusst zu fällen und abzuwägen, was für einen selbst das Richtige ist. Das muss mit der Bereitschaft einhergehen, Konsequenzen zu tragen. Dafür werden junge Leute, so mein Eindruck, nicht richtig vorbereitet. Vielen Führungsnachwuchskräften, Männer wie Frauen, mangelt es an Spaß und Leidenschaft, diesen Weg konsequent weiter zu gehen. Wenn sie sich als Führungskraft entwickelt haben, stehen sie vor der Schwierigkeit, mit den damit verbundenen Anforderungen umzugehen. Dazu gehört auch eine konstruktive Kritikfähigkeit. Es fehlt ein selbstverständlicher Umgang mit Führung. Das sollte von früh an in den Lehrplänen stehen. Macht und Führung muss sexy werden. Führung heißt nicht automatisch ein Leben nur für die Arbeit. Wer das will, kann das natürlich so machen. Wer dagegen andere Prioritäten setzt und Familienleben sowie Freundschaften größeren Raum geben möchte, kann das ebenfalls tun. Voraussetzung dafür ist allerdings die Kompetenz, beides unter einen Hut zu bekommen.

Was raten Sie jungen Frauen?

Es ist von Bedeutung, so schnell wie möglich Orientierung zu finden, wohin es beruflich gehen soll. Es gibt mittlerweile so viel mehr Möglichkeiten als zu meiner Zeit. Auf jeden Fall lohnt es sich, bereits während des Studiums Auslandserfahrung zu sammeln, um seinen Horizont zu erweitern und neue Perspektiven kennenzulernen. Das hilft dabei, sich über den eigenen Weg klar zu werden. Wenn aber Rollenvorbilder für Frauen fehlen, wie es derzeit unter anderem in Deutschland der Fall ist, dann bleiben trotz aller Möglichkeiten noch zu viele Fragezeichen. Ein Studienaufenthalt im Ausland kann hierfür wichtige Impulse geben. Darüber hinaus ist auch Netzwerkarbeit wichtig – das können Männer sehr viel besser als Frauen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass gemischte Netzwerke am effektivsten sind.

Ihr persönliches Fazit: Was spricht neben hervorragenden beruflichen Perspektiven und guten Verdienstmöglichkeiten noch für ein MINT-Studium?

Die wirtschaftlichen Vorzüge liegen klar auf der Hand. Hinzu kommen ebenso handfeste politische und gesellschaftliche Gründe. Wenn wir hier in Europa die soziale Marktwirtschaft als eine starke Gesellschaftsordnung weiter entwickeln wollen, dann dürfen wir uns nicht von Standards anderer Länder wie von den USA oder China abhängig machen, sondern müssen in der Lage sein, eigene offene Standards wie beispielsweise für die Datensicherheit zu etablieren. Es ist spannend und herausfordernd, an gesamtwirtschaftlichen Zukunftsfragen wie ressourcenschonendem Energiemanagement und zukunftsweisendem Umgang mit dem Klimawandel mitzuarbeiten. Die Stiftung von Schneider Electric unterstützt Leuchtturmprojekte und Aufklärungskampagnen zu diesen Themen. Es ist für unsere Zukunft unerlässlich, Antworten auf diese Fragen zu finden. Das motiviert mich jeden Tag aufs Neue.

Quelle: www.komm-mach-mint.de/MINT-News

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